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Mit Wildblumen wird der Stadtbalkon lebendig

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Von: Gisela Busch

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Kunterbunte Blüten hoch über der Stadt: Wildblumenbalkon mit einjähriger Aussaatmischung.
Kunterbunte Blüten hoch über der Stadt: Ein Wildblumenbalkon, hier mit einer einjährigen Aussaatmischung, schenkt spannende Naturerlebnisse auf engem Raum und bietet wichtige Futterpflanzen für Insekten. © Katharina Heuberger

Machen wir uns nichts vor: Ein paar Meter duftender und von Insekten umsummter Wildblumen auf einem Stadtbalkon retten nicht die Welt. Aber: Sie machen sie ein bisschen besser. Die Bloggerin Katharina Heuberger zeigt auf ihrem Münchner Stadtbalkon vor, wie man die Natur zu sich einlädt - auch ganz ohne Garten.

„Wenn man täglich vor Augen hat, wie viel Leben einem Stück Beton durch zweieinhalb Quadratmeter Wildpflanzen und ein paar Löcher in Holzblöcken eingehaucht wird, bekommt man eine Ahnung davon, wie viel Lebensraum bei uns durch Flächenversiegelung und intensive Landwirtschaft täglich verloren geht“ sagt Katharina Heuberger, die auch andere Menschen sensibilisieren möchte für die Notwendigkeit des Arten- und Naturschutzes .

Katharina Heuberger bloggt über ihren Wildblumenbalkon.
Katharina Heuberger bloggt über ihren Wildblumenbalkon. © Katharina Heuberger

Zwei Südbalkone im 5. Stock

Zwei Südbalkone mit Wildblumen im fünften Stock eines Münchener Hochhauses sind für die gärtnernde Journalistin ein Schauplatz spannender Naturereignisse, die ihren Alltag bereichern. Ihr „Wilder Meter“ wurde im Vorjahr von Projekt „Tausende Gärten – Tausende Arten“ der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft 1822 für seinen Artenreichtum ausgezeichnet. Freud und Leid über Pflanzen, Wetter-Dramen und tierische Liebesgeschichten fliegender und krabbelnder Balkongäste teilt Heuberger in ihrem Blog wildermeter.de.

Trend zu Wildpflanzen auf dem Balkon ist noch jung

Der Trend zu Wildpflanzen im Garten und auf dem Balkon ist noch jung, gewinnt aber mit Blick auf die bedrohten Lebensräume vieler Nutz-Insekten immer mehr an Bedeutung. Wer Geranien-Fans dazu bringen will, ihre Balkonkästen in Bienenweiden mit summenden Tafelgästen umzuwandeln, muss erst mal wissen, dass „Geranien und andere Zierpflanzen völlig ökologisch wertlos sind, also von unseren einheimischen Insekten nicht genutzt werden können“, sagt Heuberger. Ebenso nutzlos seien viele gefüllte Blüten, die meistens keinen Nektar mehr produzieren oder bei denen der Weg zum Nektar versperrt sei. Dagegen könnten selbst kleine Flächen mit einheimischen Wildpflanzen als sogenannte „Trittstein-Biotope“ eine wichtige Funktion als Nahrungsquellen erfüllen.

„Wildbienen zum Beispiel fliegen nicht weit vom Nistplatz zu Blüten, an denen sie Pollen und Nektar sammeln. Jeder Balkon ist hier eine Unterstützung auf ihrem Weg“, sagt Heuberger. Zusätzlich könne man auch Nisthilfen für Insekten aufhängen, damit solitäre Bienen und Wespen nicht nur Nahrung, sondern auch Logierplätze auf dem Balkon fänden.

Luzerne-Blattschneiderbiene auf Kugellauch.
Luzerne-Blattschneiderbiene auf Kugellauch. © Katharina Heuberger

Wildpflanzen sind von Natur aus hart im Nehmen

Pflanzen, die in Töpfen, Blumenkästen am Balkongeländer oder Pflanztrögen kultiviert werden, haben viel weniger Lebensraum zur Verfügung als ihre Verwandten in freier Natur. Einheimische Wildpflanzen sind da besonders geeignet, weil sie von Natur aus hart im Nehmen sind und auch am Standort Topf gut zurechtkommen – vor allem jene Exemplare, die nicht tief wurzeln und nur wenig Substrat benötigen, sagt Heuberger. Dazu gehören etwa Bodendecker wie Sedum-Arten. Die werden oft bei der Dachbegrünung verwendet, wo es aus statischen Gründen meist nur fünf bis zehn Zentimeter Substrat gibt. „Einheimische Wildblumen sind durch die Evolution abgehärtet und an unser Klima bestens angepasst“, sagt Heuberger – im Gegensatz zu vielen frostempfindlichen Balkon-Zierpflanzen beginnt ihre Saison schon im März, eben ganz wie in der Natur.

Buchtipp: Wildblumen für den Balkon

Um sich vom Charme einheimischer Wildblumen verzaubern zu lassen, braucht man keinen Garten. Mit dem richtigen Pflanzgefäß und passendem Substrat fühlen sich viele Arten auch auf Balkon oder Terrasse wohl. Je nach persönlicher Erwartung und Standortvoraussetzungen – wünscht man sich bunte Blüten für sonnige Plätze, leuchtende Lichtreflexe in schattigen Ecken, verführerische Düfte oder essbare „Wilde“ zum Naschen – finden angehende Balkongärtner im Praxisbuch von Nina Keller eine breite Auswahl an Wildschönheiten, die für hungrige Insekten allesamt von größtem Nährwert sind. Anhand der mit Zeichnungen erklärten „Wildblumenkombinationen zum Nachpflanzen“ für verschieden große Pflanzgefäße schaffen es auch Anfänger, ihren Balkon in einen Lebensraum zu verwandeln. An Beispielen für die perfekten „Top(f)models“ herrscht in dem Buch jedenfalls kein Mangel.

Info: Wildblumen für Balkon und Terrasse, Nina Keller, GU-Verlag, 17,99 Euro.

Ein weiter Vorteil sei, das viele Wildstauden mehrjährig sind über mehrere Jahre in einem Pflanzgefäß bleiben sowie im Freien überwintern können, statt wie Geranien oder Petunien am Saisonende weggeworfen zu werden.

Späteste Aussaat im Juni

Einjährige Wildblumen sollten bis Mai, spätestens aber im Juni ausgesät werden, damit sie im Sommer schön zur Blüte kommen. Dies dauert, je nach Art acht bis zwölf Wochen. Bei Aussaat im August und September überwintern die kleinen Pflänzchen und haben im Frühjahr dann schon einen Vorsprung. Damit Wildstaudengesellschaften funktionieren, sind Kenntnisse über ihre Eigenschaften wichtig. Für Einsteiger gibt es laut Heuberger spezielle Wildstauden-Pflanzpakete vom Profi. Diese machen sich gegenseitig keine Konkurrenz und stimmen in ihren Ansprüchen an Licht, Feuchtigkeit, Nährstoffe und Platz überein – sodass von März bis September immer etwas blüht.

Ein Tagpfauenauge auf dem auf dem rosa Berglauch.
Ein Tagpfauenauge auf dem auf dem rosa Berglauch. © Katharina Heuberger

Egal, ob man, wie Katharina Heuberger vor nunmehr neun Jahren, einfach genug hat von sterilen Geranien und einfach drauflos experimentiert oder erst fachlichen Rat einholt: „Der Balkon wird mit Wildblumen lebendig. Er verwandelt sich in einen Ort spannender Naturbeobachtungen, wo man die Millionen Jahre alte Beziehung zwischen Pflanze und Tier aus nächster Nähe miterleben kann – auf Augenhöhe.“ Wichtig sei es nur, einfach anzufangen: „Es kann nicht viel schief gehen.“

Info: Der Verein für naturnahe Garten- und Landschaftsgestaltung in Bonn setzt sich für mehr Wissen über Naturgärten als Lebensräume ein. Eine Liste mit Fachbetrieben, die Wildstauden-Pflanzpakete anbieten, gibt´s hier.

Pflanzenliste für den Südbalkon

Das Klima auf dem sonnigen Balkon ähnelt dem an der Alpensüdseite: viel Sonne am Tag, kühle Nächte, begrenzter Wurzelraum und knappes Wasser. Kein Wunder, dass sich dort viele mediterrane Arten wohlfühlen. Gärtnermeister Dieter Gaissmayer aus Illertissen/Allgäu hat dafür eine Pflanzenliste mit geeigneten Arten zum Download zusammengestellt. Eine kleine Auswahl:

Frauenmantel (Alchemilla erythropoda), Duftnessel (Agastachen), (für Kübel), Bergminze (Calamintha nepeta ssp. nepeta), Lerchensporn (Corydalis lutea), Polsternelken (Dianthus gratianopolitanus ‘Whatfield Gem’), Liebesgras (Eragrostis trichodes ‘Bend’), Spanisches Gänseblümchen (Erigeron karvinskianus ‘Blütenmeer’), Wolfsmilch (Euphorbia polychroma / E. Segueriana-Hybride ‘Copton Ash’), Prachtkerze (Gaura lindheimeri ‘Whirling Butterflies’ / G. ‘Siskyou Pink’), Storchschnabel (Geranium Orion), Schleierkraut (Gypsophila Hybride ‘Rosenschleier’), Zwerg-Ysop (Hyssopus officinalis ssp. aristatus), Lavendel (Lavandula angustifolia ‘Siesta’), Stauden-Lein (Linum perenne ‘Nanum Saphyr’), Minze (Mentha species ‘Dionysos’) Katzenminze (Nepeta x faassenii (mussinii) ‘Superba’) Oreganum (Origanum heracleoticum).

Guck mal, wer da kommt: Tierische Balkongartengäste erkennen und bestimmen

Gefiederter Gast: Stieglitz auf dem Wildblumenbalkon.
Gefiederter Gast: Stieglitz auf dem Wildblumenbalkon. © Katharina Heuberger

Der ökologische Sinn eines Balkons mit einheimischen Wildblumen besteht darin, mit deren Pollen und Nektar ein Nahrungsangebot für unsere Insekten zu schaffen, sagt Heuberger. Die Balkongarten-Bloggerin beobachtet neben Bienen und Hummeln auch Spinnen und Vögel. Mehr über tierische Balkongartengäste verraten diese Quellen:

Paul Westrich (Biologe, Wissenschaftler, Naturfotograf, Autor) ist Wildbienenexperte. Er betreibt eine Website namens „Faszination Wildbienen“.

Volker Fockenberg (Geograph, Zoologe) informiert zu Wildbienen und Nisthilfen und bietet Seminare und Exkursionen an unter wildbiene.com.

Andreas Haselböck (Entomologe am Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart) betreibt privat ein informatives Naturlexikon mit Artenporträts von Insekten, Spinnen, Vögeln und Pflanzen.

Dave Goulson (Wissenschaftler, Autor und Gründer des Bumblee Conservation Trusts) ist Naturschutz-Aktivist, der Hummeln erforscht und Bücher („Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel“, Hanser) mit viel britischem Humor über Hummeln und andere Insekten schreibt. Website (in Englisch): bumblebeeconservation.org

Stahlblauer Grillenjäger mit grüner Beute-Heuschrecke.
Stahlblauer Grillenjäger mit grüner Beute-Heuschrecke. © Katharina Heuberger

Dr. rer. nat. Christoph Benisch (Biologe aus Mannheim) informiert auf seiner Website umfassend über die Käferfauna Deutschlands und bestimmt mit seinem Team Fotos von Käfern, die man dort einreicht.

Infos über Schmetterlinge und Hilfe bei deren Bestimmung sowie der ihrer Puppen, Raupen, Eier, Fraßspuren, Nahrungspflanzen bietet der Verein Lepiforum.

Die Arachnologische Gesellschaft e.V. (AraGes) mit ihrem Forum europäischer Spinnentiere hat das Ziel, interessierte Laien über die oft zu Unrecht gefürchteten Achtbeiner aufzuklären. Info: arages.de und forum.arages.de

Cornel van Bebber (Hummelfreund aus Neuss) informiert über Neues aus der Hummel-Forschung auf seiner Website aktion-hummelschutz.de

(Von Gisela Busch)

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