Botanische Namen helfen bei Pflanzenbestimmung und bewahren vor Fehlkäufen

Syphilis, Knabberkraut oder Hostien - was will der Gartenfreund denn bloß?

Die Pfingstrose „Paeonia mas flore purpureo“ aus dem barocken Pflanzenbuch „Hortus Eystettensis“ des Nürnberger Apothekers Basilius Besler (1561–1629).
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Die Pfingstrose „Paeonia mas flore purpureo“ aus dem barocken Pflanzenbuch „Hortus Eystettensis“ des Nürnberger Apothekers Basilius Besler (1561–1629).

Mitunter müssen die Gärtner unseres Vertrauens hellsehen können, um die Wünsche ihrer Kunden nach „Syphilis“, „Knabberkraut“ oder Hostien“ zu erfüllen. Kein Wunder, denn Pflanzennamen sind manchmal eine Herausforderung. Zum Glück erfand Carl von Linné das System der botanischen Nomenklatur, das auf geniale Weise viele Informationen über die Verwandtschaftsverhältnisse im Pflanzenreich entschlüsselt. Um es zu verstehen, braucht man nur ein paar Brocken Latein.

Mitunter müssen sie sogar hellsehen können, um unsere blumigen Wünsche zu erfüllen, denn Pflanzennamen sind manchmal eine Herausforderung. Zum Glück erfand der schwedische Naturforscher Carl von Linné das System der botanischen Nomenklatur, das auf geniale Weise in lateinischer Sprache viele Informationen über die Verwandtschaftsverhältnisse im Pflanzenreich weltweit verständlich beschreibt. Um es zu verstehen, braucht man nur ein paar Brocken dieser Sprache der Wissenschaft zu verstehen.

Beim Entschlüsseln der Wünsche ihrer Kunden merkt Marion Hüning gleich, wer seine Latein-Hausaufgaben gemacht hat.

Marion Hüning, Staudengärtnerin

„Da ist dann detektivischer Spürsinn gefragt“, weiß Marion Hüning von der Staudengärtnerei Stade in Borken/Nordrhein-Westfalen. Nach über 20 Jahren als Staudengärtnerin kann sie botanische Namen im Schlaf aufsagen – oder sollte es zumindest, denn ermöglichen erst eine genaue Zuordnung von Pflanzen.

Dank Carl von Linné (1707-1778) geben die einzelnen Pflanzennamen bereits wichtige Informationen über die Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb des Pflanzenreiches. „Deutsche Pflanzennamen allein führen oft in die Irre“, das weiß auch Gärtnermeister Dieter Gaissmayer aus Illertissen/Allgäu aus jahrzehntelanger Erfahrung. So seien etwa Stockrosen in Wirklichkeit Stauden, die zu den Malvengewächsen gehörten und mit Rosen nicht verwandt, wohingegen Schwertlilien eigentlich Irisgewächse seien und keine Lilien. 

Der schwedische Naturforscher Carl von Linné setzte durch, dass in der Botanik auch der lateinische Artenbegriff verwendet wird.

Grund genug also für Pflanzenfreunde, die bisher mit Gärtnerlatein nichts am Hut hatten, das schleunigst zu ändern. „Wer sich schon einmal mit dieser Materie beschäftigt hat, wird schnell festgestellt haben, dass durchaus ein System dahinter steckt“, sagt Marion Hüning. An erster Stelle auf der Visitenkarte einer Pflanze steht ihr Gattungsname und dann folgt der Artname. Wenn es eine Züchtung oder Auslese ist, wird noch ein Sortenname angehängt, welcher in obere Anführungszeichen gesetzt wird. Für den Pflanzenkauf ist er der Wichtigste, da es meist verschiedene Auslesen und Varietäten innerhalb einer Art gibt, erklärt die Staudengärtnerin. Eine Besonderheit gibt es bei Hybriden (also Kreuzungen zweier Arten), die häufig durch ein „x“ zwischen Gattungs- und Artnamen gekennzeichnet werden. Durch diese Systematik ist jede einzelne Staude genauestens bestimmbar und Verwechslungen werden vermieden.

Das kann Hobbygärtnern helfen, die sich nur den deutschen Namen der gewünschten Pflanze gemerkt haben und nun beim Besuch in der Gärtnerei allerlei lateinische Fachvokabeln zu hören bekommen. Selbst alte „Gärtnerhasen“ können sich bei komplizierten Staudennamen wie Hacquetia, Rhodohypoxis oder Schizostylis schon mal verhaspeln – kein Wunder also, wenn Kunden bei der botanischen Fachsprache auch mal ins Schleudern geraten, sagt Hüning.

„Knabberkraut“ statt Knabenkraut - bei Pflanzennamen kommt es mitunter zu kuriosen Verwechslungen.

Manche Leute fragten schon statt nach Delphinium (Rittersporn) nach „Delphinarium“ oder wollten „Knabberkraut“ statt Knabenkraut (Dactylorhiza) kaufen. Auch „Clematitis“ statt Clematis (Weinrebe) und „Hostien“ anstelle von Hostas (Funkien) habe sie schon verkauft, lacht die Staudengärtnerin: „Am schönsten fand ich allerdings die Frage, ob wir denn auch Syphilis hätten. Gott sei Dank bekam ich dann heraus, dass die Frau lediglich eine Physalis (Andenbeere) kaufen wollte und wir haben beide herzlich über die Verwechslung gelacht.“

Zum Glück braucht man keinen Lateinkurs, um tieferes Verständnis für Pflanzennamen zu erlangen. Fürs Erste reicht es, das Pflanzenetikett aufzubewahren, das neben dem deutschen Namen und Pflegetipps auch die botanische Bezeichnung enthält, rät Hüning: „Diese Nomenklatur aus Gattungs- und Artnamen gibt eindeutig und unverwechselbar Aufschluss darüber, welche Pflanze gemeint ist.“

Es wäre doch zu dumm, wenn sich die aktuelle Neuerwerbung zum beneidenswerten Prachtstück des Gartens entwickelt und man leider passen muss, wenn die begeisterten Gartenfreunde nachfragen, wie das tolle Schätzchen denn nun heißt.

Pures Gold: Sonnenauge „Spitzentänzerin“.

Sonnenhut, -braut oder -röschen – wie heißt die gelbe Blüte nur?

Der Name der gewünschten gelben Blume fängt mit „Sonnen...“ an. Aber dann? Da hat der Pflanzenkäufer leider keine Ahnung und der Gärtner kommt ins Grübeln. Viele gelbe Blumen tragen das Himmelsgestirn im Namen und wärmen die Herzen: In der Staudenwelt wimmelt es nur so von gelbem Sonnenhut, Sonnenbraut, Sonnenröschen und Sonnenauge vielen anderen mehr. Aber welche ist welche?

Gelbes Blütenmeer im Staudenbeet: Die Sonnenbraut-Sorte „Sonnenwunder“.

Die Berliner Gartendesignerin Gabriella Pape ist schon froh, wenn Kunden ihre Pflanzenwünsche etwas genauer beschreiben können als einst jener Mann, der in ihre Gärtnerei kam und „eine Pflanze, die oben blüht“ verlangte. Der Hinweis auf den Pflanzennamen „mit Sonne oder so“ half auch nicht weiter. „Es lohnt sich, lateinische Sortennamen zu kennen“, sagt Pape. Schließlich will man doch wissen, ob man sein Herz nun an Rudbeckia, Helenium, Helianthemum oder Heliopsis hängen soll.

Gattung - Art - Sorte - was ist was?

Jeder botanische Name ist mindestens zweigliedrig. Zuerst wird die Pflanzen-Gattung (lat. Genus) benannt – etwa Iris. Pflanzen einer Gattung sind miteinander nahe verwandt und lassen sich zuweilen sogar kreuzen, informiert die Staudengärtnerei Gaißmayer im bayerischen Illertissen. Der zweite Namensteil (lat. Epitheton, steht für „das Hinzugefügte“) beschreibt eine einzelne konkrete Pflanzen-Art. Ein Beispiel wäre Iris sibirica, die Wiesen-Iris. Der Namen der gezüchteten Sorte wird schließlich angehängt, also Iris sibirica „Elfe“.

Das verraten Pflanzennamen über Eigenschaften, Herkunft und Züchter

Oft kann man schon am Namen bestimmte Eigenschaften oder Ansprüche der Pflanze ablesen. Gute Lateinkenntnisse sind hierbei sehr von Vorteil. Da ist zum Beispiel eine „Sagittaria latifolia“ auf jeden Fall etwas Breitblättriges, denn latifolia kommt aus dem Lateinischen von latus = breit und folium = das Blatt. So lässt sich vieles einfach herleiten. Manche Stauden wurden auch nach ihrer Herkunft (zum Beispiel kommt die „Agastache mexicana“ ursprünglich aus Mexiko), einem Züchter („Calamagrostis x acutiflora ‘Karl Förster’“) oder nach ihrem Fundort benannt („Leontopodium alpinum ‘Zugspitze’“). Für Farben stehen die Begriffe Aurum = Gold (zum Beispiel die goldgelbe Gauklerblume „Mimulus auranticus“, Coccineus = Cochenilerot (Spornblume „Centranthus ruber ´Coccineus’“), Azureus = Azurblau (Himmelblaue Aster „Aster azureus“) und Albus = Weiß (Ballonblume „Platycodon grandiflorus ‘Albus’“). Die Endung „-opsis“ ist ein vergleichender Hinweis auf das Aussehen, zum Beispiel Anemonopsis (Scheinanemone), Heliopsis (Anblick der Sonne = Sonnenauge) und Meconopsis (Anblick des Mohns = Scheinmohn).

Manchmal steht hinter dem Namen noch das Sortenschutz-Zeichen: ® Es wird vom Züchter oder Entdecker beim Bundessortenamt beantragt und bezahlt und sichert ihm ein ausschließliches Vermehrungsrecht dieser Sorte. Daher sind solche Pflanzen in der Regel auch etwas teurer.

„Latein für Gärtner“ von Lorraine Harrison ist erschienen im Dumont-Verlag.

Buchtipp: Latein für Gärtner

Mit detaillierten Erläuterungen zu über 3000 botanischen Begriffen und Informationen über den Ursprung von Pflanzennamen ist dieses wunderschön gestaltete „Vokabel“-Buch ein echter Schatz an Pflanzeninformationen für alle Hobbygärtner. Wer anhand des lateinischen Namens Eigenschaften und Bedürfnisse von Pflanzen entschlüsseln kann, erspart sich Fehlkäufe – und seinen Schützlingen im Gartenbeet viel Kummer. Ein ergänzender Lesegenuss sind die Steckbriefe zu Reisen und Forschungen berühmter Botaniker wie Alexander von Humboldt und Carl von Linné. 

(Von Gisela Busch)

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