Viel Liebe zur alten Bausubstanz

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Abenteuer ist mehr als gelungen: Obwohl Matthias Gerhold von vielen für verrückt erklärt wurde, als er die Sanierung begann, wird er nun von allen Seiten für die Planung wie die Umsetzung gelobt.

Eine der beiden Scheunen hat Familie Gerhold zu einem sensationellen Wohnhaus ausgebaut. Die Scheune wurde 1768 gebaut und besteht zum größten Teil aus Sandstein. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, liegt ein großer, alter Bauerngarten, der zu dem ehemaligen landwirtschaftlichem Hof gehört.

„Den Hessischen Denkmalschutzpreis 2010 haben wir für das gesamte, denkmalgeschützte Ensemble – das Wohnhaus und die Fachwerkscheune inbegriffen – erhalten. Das Highlight ist natürlich die umgebaute Scheune“, erzählt Daniela Gerhold. Man merkt ihr an, dass ihre anfänglichen Zweifel an der Machbarkeit des Scheunenumbaus längst verflogen sind. Die Begeisterung ihres Mannes für die Barock-Scheune ist auf sie übergesprungen. „Als wir mit den Ausbauarbeiten angefangen haben, war mir klar, dass das unser Traumhaus ist“, sagt Daniela Gerhold. „Vorher konnte ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen.“ Seit frühester Kindheit hat Matthias Gerhold einen engen Bezug zu dem ehemaligen landwirtschaftlichen Hof seiner Großeltern. Matthias Gerhold ist in Wolfhagen geboren und aufgewachsen und lebt nun wieder mitten in der Altstadt von Wolfhagen. „Das ist der Hof meiner Großeltern. Ich bin mit diesen Gemäuern sehr vertraut.“, sagt er. Schon als Kind habe er viel in der Scheune, in welcher er nun mit seiner Frau und seiner Tochter Mariella lebt, gespielt. „Ich kenne hier jeden Winkel. Als Kinder haben wir in den Pferdeställen gespielt und schon mal auf dem Heuboden übernachtet.“

„Während meines Maschinenbau-Studiums in Kassel hatte ich eine Studentenbude unter dem Dach. Und gerade im Sommer war mir die kühle Sandsteinscheune auf dem Hof meiner Großeltern gegenwärtig. Auch das angenehm kühle Erdgeschoss des Fachwerkhauses meiner Eltern ist mir in den Sinn gekommen“, beschreibt Matthias Gerhold den Reifeprozess seiner Idee, die Scheune umzubauen. Seine Frau hingegen war von einer anderen Wohnerfahrung geprägt: hat nie in einem historischen Gebäude gewohnt und schildert ihre anfängliche Skepsis: „Ich konnte mir das ganz und gar nicht vorstellen, jemals in dieser dunklen, kalten Scheune zu wohnen. Davon musste mein Mann mich ordentlich überzeugen“, sagt sie. „Schließlich waren bei einer ersten Inaugenscheinnahme noch die alten Ställe da.“

„Ich muss zugeben“, sagt Matthias Gerhold lachend, „dass ich wirklich von allen für komplett verrückt erklärt wurde, als die Idee des Umbaus immer mehr Gestalt annahm. Meine Schwiegereltern wollten mich bei einem ‘Ortstermin’ zu der Einsicht bringen, dass es besser sei, ein neues Haus zu bauen, anstatt sich an das Abenteuer Scheunenumbau zu wagen“, erinnert er sich. „So herumzuwerkeln ist aber einfach mein Hobby“, sagt er. „Da hat sich das einfach so ergeben.“

Historische Meiereischeune

Die Barock-Scheune ist ein ganz besonderes Gebäude – nicht nur für Matthias Gerhold. Die Sandsteinscheune steht seit langer Zeit unter Denkmalschutz und findet schon im Denkmalinventar „Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Kassel, Kreis Wolfhagen“ aus dem Jahr 1937 Erwähnung. Landgraf Friedrich II. hatte das Gebäude als „Fürstliche Meierei“ errichten lassen. Über dem Eingangsbereich ist das Wappen des Erbauers, Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel, erhalten. Bis vor wenigen Jahren wurde die Scheune als Pferde- und Kuhstall genutzt. Die hohe Tenne im mittleren Gebäudeteil wurde früher zum Unterstellen der Pferdewagen genutzt.

Im Jahr 2005 begann Matthias Gerhold die alte Scheune zu Wohnzwecken umzubauen und ein Heim für sich und seine Familie zu schaffen. Dazu wurde die Scheune  komplett entkernt. „Bevor wir überhaupt anfangen konnten, mussten wir die alten Pferde- und Kuhstallungen rausreißen.“ Den größten Teil des Scheunenumbaus hat Familie Gerhold in Eigenleistung erbracht. Tatsächlich hat Matthias Gerhold unzählige Stunden seiner Freizeit damit verbracht, die Scheune auf Vordermann zu bringen.

Der gesamte Boden der Scheune, der teilweise mit Ziegelsteinen gepflastert war, musste 50 Zentimeter tief ausgehoben werden. Nach jahrelanger Stallnutzung war der Boden voller Ammoniak. Statt einer Bodenplatte haben die Bauherren Schaumglasschotter eingebracht. Das ist ein natürlicher, umweltverträglicher und Ressourcen schonender Baustoff, der neben guter Wärmedämmung und geringem Gewicht eine für die Sanierung und Umnutzung der ehemaligen Kuh- und Pferdeställe wichtige Eigenschaft besitzt: Schaumglasschotter nimmt kein Wasser auf und ist resistent gegen jegliche Umwelteinflüsse. „Der Schaumglasschotter bildet somit eine kapillarbrechende Schicht - das ist auch in Bezug auf den Ammoniak entscheidend“, weiß Matthias Gerhold. Nach Verlegen der Fußbodenheizung wurde der Boden mit Granitplatten belegt.

Dreigeteilte Scheune

Die Scheune, die im Jahr 1768 gebaut wurde, besteht aus Sandsteinquadern und Bruchsandstein im unteren Bereich, die Giebel und der Erker, das so genannte Zwerchhaus, und die Dachkonstruktion sind aus Fachwerk. Sie hat ein hohes Krüppelwalmdach mit mittig gelegenem Fachwerk-Zwerchhaus. Auf der Längsseite gibt es zu beiden Seiten ein hohes Deelentor, genau in der Mitte der Scheune. Links und rechts davon befanden sich die Stallungen. Die vorhandene Dreiteilung, links Pferdeställe, in der Mitte die hohe Tenne, und rechts die Kuhställe, konnte in der heutigen Nutzung beibehalten werden: „Die Tenne ist heute der Wohn- und Essbereich der dreiköpfigen Familie mit der beachtlichen Raumhöhe von 3,70 Metern. Die Tenne strahlt Großzügigkeit und Heimeligkeit in einem aus. Das liegt vor allem an dem Sandsteinmauerwerk und der alten Holzdecke. E 

E Ein ganz besonderes Ambiente strahlen nicht nur die ursprünglich belassenen Wände aus Sandsteinmauerwerk im Originalzustand aus. Die Sandsteinwände sind siebzig Zentimeter stark und bestehen aus zu Quadern behauenen Werksteinen in beachtlichen Ausmaßen und Bruchsteinen. Die Sandsteine sind in der riesigen Tenne ein extravagantes Sichtmauerwerk. „Um sie zu reinigen, haben wir die Sandsteinwände gesandstrahlt“, so Matthias Gerhold. „Danach mussten wir das Mauerwerk neu verfugen. So kam mir die Idee, in den Fugen leuchtende Lichtwellenleitern zu verlegen, die als Sternschaltung in der Dunkelheit unzählige kleine Glitzerpunkte auf die Tennenwände zaubern. Das sieht abends oder in der Dämmerung fantastisch aus.“

Ofen bringt Behaglichkeit

Beim Einbau des Kaminofens hat Matthias Gerhold darauf geachtet, den Schornstein so geschickt hinter Sandsteinmauerwerk verschwinden zu lassen, dass das Paneel-Mauerwerk massiv wirkt. Der Holzscheitofen hat eine Gesamtheizleistung von beachtlichen 14 kW. Davon gehen etwa 4 kW Heizleistung direkt in den großen Wohnraum, der Rest erwärmt das Brauchwasser und die Fußbodenheizung, die im gesamten Gebäude verlegt wurde. Allein optisch strahlt der Ofen eine enorme Behaglichkeit aus. Und die Heizleistung für den Wohnraum macht es mehr als gemütlich.

Keine zusätzlichen Fensteröffnungen

Eine Schwierigkeit bei der Planung der Umbaumaßnahmen waren die Fenster. Denn es waren wenige, nur kleine Fensteröffnungen vorhanden. Doch Familie Gerhold hat den Grundriss der Scheune und die heutige Gesamtwohnfläche von 170 Qudratmetern so angeordnet, dass keine zusätzlichen Fensteröffnungen erforderlich wurden.

„Mit den erfolgten Umbaumaßnahmen bewohnen wir ja nur das Erdgeschoss der ehemaligen Scheune“, lacht Matthias Gerhold. „Das ist zwar schon viel aber es ist noch Ausbau- und Erweiterungspotenzial vorhanden.“

Er hat anscheinend noch lange nicht genug vom Umbauen, Erhalten und Gestalten: Mit leuchtenden Augen zeigt der Bauherr den alten Strohboden über den ehemaligen Stallungen. „Alles noch ausbaufähig“, sagt er. Das hört sich ganz danach an, als hätte er schon ein neues Projekt vor Augen... .

Von Hendrike Racky

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