Stauden, ein Hausbaum und duftende Blüten statt Steine und Schotter

So wird aus dem Vorgarten ein grünes Paradies

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Abwechslungsreich bepflanzter Hauseingang: Vorgärten mit Gehölzen, Stauden und Sommerblumen laden zum Entdecken mit allen Sinnen ein.

Der Vorgarten trug früher nicht ohne Grund den Beinamen „Visitenkarte des Hauses" - man zeigte mit dem kleinen Stück Land, wer man war. Heute geben die durchgestylten, leblosen Schotterflächen im Eingangsbereich vieler Neubauten eher Rätsel über die Bewohner und ihre Beweggründe auf.

Was wir von einem Vorgarten erhoffen dürfen, hat einst Vita Sackville-West wunderbar treffend beschrieben: „Er hat die Aufgabe, einen morgens mutig ins Leben zu entlassen und abends wieder liebvoll zu empfangen.“ Eine Aufgabe, die das handtuchgroße, blühende Fleckchen vorm Reihenhaus im Prinzip ebenso zu erfüllen vermag, wie der opulente Eingangsbereich von Sissinghurst Castle, wo die englische Schriftstellerin ab den 1930er-Jahren lebte.

Doch während die legendäre Gärtnerin dabei an ein harmonisches Miteinander aus duftenden Rosen und üppigen Hortensien, an Frühlingszwiebelblumen, herbstbunte Stauden und vielleicht an einen Apfelbaum gedacht haben dürfte, führt der Weg zur Haustür für immer mehr Menschen durch eine ebenso perfekt durchgestylte wie leblose Steinwüste: Umzingelt von grauem Schotter, Gabionenwällen und allerlei Baumarktkies ringt da höchstens hier und da ein trauriges Immergrün ums Überleben.

Achim Kluge, Verband Garten- und Landschaftsbau

Mindestens 730 mal – wenn man mit Kindern das Haus teilt sogar rund 2150 mal – pro Jahr laufen wir durch das Stückchen Garten vorm Haus, schreibt die Berliner Gartendesignerin Gabriella Pape in ihrem Buch „Gebrauchsanweisung fürs Gärtnern“. Wir haben also allen Grund, diesen Alltagsweg möglichst ansprechend zu gestalten. Wer aber heute durch die Straßen einer Neubausiedlung geht und sich über so manch abweisenden Eingangsbereich wundert, fragt sich, ob die Leute beim Heimkommen die Augen fest zukneifen und der Begriff von der „Visitenkarte des Hauses“ überhaupt noch zutrifft.

Begrünte Fassade: Kletterpfanzen erobern die Hauswand, wo der Platz für eine Vorgartenbepflanzung nur begrenzt ist.

„Ein schöner Vorgarten muss mir beim Verlassen des Hauses die Sehnsucht bereiten, dass ich mich auf das Zurückkommen freue“, sagt Achim Kluge vom Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (BGL). Doch zugleich seien Vorgärten immer auch Repräsentationsflächen, also ein zwischen Privathaus und Straße von Passanten, Radlern und Autofahrern frei einsehbarer Bereich. Dieser halböffentliche Raum mit Außenwirkung vermittele einen ersten Eindruck davon, wer hier wohnt.

Weil die Fläche vor dem Haus ordentlich, pflegeleicht und möglichst unkrautfrei sein soll, treffe man Schottergärten vor allem in Neubaugebieten immer häufiger an. „Dort dominieren Schotter, Steine und Kies. Hin und wieder sorgen Gräser, Immergrüne oder kleinbleibende Bäume für etwas Grün zwischen dem Grau. Doch der Großteil der Flächen hat nichts mehr mit einem Garten zu tun und ist wohl kaum als Visitenkarte gemeint,“ sagt Kluge.

Platz für einen Hausbaum ist im kleinsten Vorgarten. Dazu sorgen ein weiß blühender Hartriegel sowie Kleingehölze für einen freundlichen Empfang.

Man könnte Steinflächen als Modetrend bezeichnen, aber tatsächlich sei diese Art der Gestaltung in erster Linie keine Geschmacksfrage, sondern Pragmatismus: Eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsunternehmens GfK ergab, dass die meisten Besitzer der grauen Flächen eigentlich Pflanzen durchaus schöner finden. Da sie diese aber für zu arbeitsintensiv halten, entschieden sie sich für Steine. Das Märchen vom unkomplizierten und pflegeleichten Schottergarten dürfte das wohl merkwürdigste und verheerendste Missverständnis der jüngeren Gartengeschichte sein. „Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Steinflächen wenig Arbeit machen und rund ums Jahr ansprechend aussehen“, betont Achim Kluge.

So traurig: Mit einer Pflanzschale wird hier der vergebliche Versuch unternommen, einer Vorgarten-Einöde aus Steinen, Kies und Schotter etwas Leben einzuhauchen.

Die Natur erobere auch mit Steinen versiegelte Flächen im Handumdrehen zurück: „Der Wind weht Blätter, Samen und allerlei Unrat zwischen die Steine, was nicht nur unschön aussieht“. Wird diese Biomasse nicht abgesammelt, bildet sich bald ein Nährboden für genügsame Überlebenskünstler wie Löwenzahn, Disteln und Wegerich – unerwünschtes Unkraut, das zunehmend zum Ärgernis wird.

Kaum Pflegeaufwand erfordere dagegen eine gut durchdachte Bepflanzung des Vorgartens – Hauptsache, man folgt dem Grundsatz der berühmten englischen Kiesgartengestalterin Beth Chattoo, wonach Gärten nur dann wirklich pflegeleicht sind, wenn die dort gepflanzten Arten bestmöglich auf den Standort und aufeinander abgestimmt sind. „Mit Bodendeckern, Gräsern, Stauden, Kleingehölzen und Zwiebelgewächsen“, so Kluge, „kann man vor dem Haus einen Willkommensbereich gestalten, der nur wenig Arbeit fordert und dennoch auf lange Sicht attraktiv bleibt“.

Schließlich hat, wer sein Tagwerk mutig vollbracht hat, abends beim Nachhausekommen einen liebevollen Empfang mehr als verdient.

Information und Inspiration gibt es im Internet auf der Seite
rettet-den-vorgarten.de

Der Vorgarten im Wandel der Zeiten

Im 18. Jahrhundert dienten die Vorgärten der breiten Bevölkerung zumeist als Nutzgärten. Dort wurde Gemüse angebaut, geputzt, geschnippelt und nebenbei ein Plausch mit den Nachbarn gehalten. Nur wer es sich leisten konnte, bepflanzte die kleine Fläche mit Ziergewächsen, um auf diese Weise den eigenen Reichtum zu zeigen. Auch Weltläufigkeit ließ sich präsentieren, zum Beispiel mit exotischen Pflanzen aus fernen Ländern, die den meisten Menschen nur vom Hörensagen bekannt waren – wenn überhaupt. Man zeigte, wer man war. Ab dem 19. Jahrhundert polierte dann auch die Mittelschicht mit dem Vorgarten ihr Image auf: Akkurat geschnittene Immergrüne, eindrucksvolle Blühpflanzen, Zäune und Ziergitter bestimmten das Straßenbild. Später gesellten sich Deko-Elemente wie Gartenzwerge, Steinfiguren oder allerlei rostige Metall-Gegenstände dazu.

Im Vorgarten nicht fehlen dürfen ... 

... Ein Hausbaum, weil er jeden Besucher freundlich begrüßt, im Frühling blüht, im Sommer Schatten spendet und den Vögeln im Herbst im Idealfall Nahrung bietet.

... Zwiebelgewächse (gerne in den eigenen Lieblingsfarben), die schon im zeitigen Frühling bunte Tupfer in den wintergrauen Garten setzen und bei denen man jeden Tag nachsehen möchte, ob sie wieder ein Stückchen weiter aus der Erde herauslugen.

... Sommerblühende Stauden, damit kein Platz frei bleibt fürs Unkraut und immer genug „Futter“ da ist für Wildbienen und andere Insekten auf Nahrungssuche. . Ein kleiner Platz mit einer Bank – nur so als gemütlicher Blickfang oder für einen Plausch mit dem Nachbarn.

... Ein geschwungener Natursteinweg zum Haus hin, der uns und unsere Gäste einladend (und stolperfrei) zum Eingang führt. . Ein Stückchen Buchenhecke als Versteck für Müll-, Papier und Biotonne, deren Anblick ja nun wirklich niemand braucht.

... Eine Rose, deren Duft uns jeden Morgen beim Herauskommen begrüßt.

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