Botaniker legten erst 1987 Gattungsbegriff fest – Zwiebelblume blüht prachtvoll im Winter

Wie aus der Amaryllis ein echter Ritterstern wurde

Die echte Amaryllis „Belladonna“ blüht meistens rosa.
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Die echte Amaryllis „Belladonna“ blüht meistens rosa.

Aufmerksamkeit ist der Amaryllis gewiss: eine opulente Erscheinung, erwachsen aus einer kinderkopfgroßen Zwiebel. Aus den Knospen, die auf einem langen, dicken Stängel sitzen, entfaltet sich pünktlich zur Weihnachtszeit ein überbordendes Blütenspektakel aus bis zu vier oder fünf ein- oder mehrfarbigen Kelchen, die jeweils bis zu 15 Zentimeter Durchmesser haben können. Aber ist die Amaryllis überhaupt eine - und was hat es mit dem Ritterstern auf sich?

Angeboten werden zumeist rote und weiße Amaryllen, jedoch gibt es auch Blüten in apricot, orange, gelb, pink und sogar grün. Besonders auffällig sind mehrfarbige Varianten mit interessanten Mustern. Also alles in allem eine tolle Zimmerpflanze, die zwar giftig ist, aber allerhand zu bieten hat.

Der romantische Name soll von einer hübschen Schäferin aus den Hirtenversen des Dichters Vergil entliehen sein und bedeutet „amaryssein“ (funkeln lassen). Schade nur, dass die beliebte, eindrucksvolle Zwiebelblume streng genommen gar keine Amaryllis ist – woran der berühmte Römer allerdings keinerlei Schuld trägt. Aber wer dann?

Verwirrung um Namen

Die Namensverwirrung hat ihre Ursache in einer frühen, botanisch fehlerhaften Gattungszuordnung. Ein Fauxpas von 1742 (siehe Hintergrund), welcher der Ähnlichkeit zweier Blüten geschuldet war. Nach jahrhundertelangem Grübeln und Diskutieren konnte sich der Internationale Botanische Kongress erst 1987 darauf verständigen, dass jene winterblühende Zwiebelpflanze aus Südamerika, die wir als Amaryllis bewunderten, laut Gattungszuordnung Ritterstern (Hippeastrum) heißen sollte. Das hat sich aber bis heute nicht wirklich herumgesprochen. Selbst im Fachhandel werden weiterhin viele Rittersterne als „Amaryllis“ offeriert.

Die echte Amaryllis

Die echte Amaryllis (Amaryllis belladonna) blüht meist in rosa und ist übrigens eine ebenfalls nicht-winterharte Zwiebelpflanze aus Südafrika. Sie gedeiht als „Jersey-Lilie“ inzwischen auch verwildert auf der klimatisch milden Kanalinsel, blüht im Spätsommer und taugt daher ganz und gar nicht zur Weihnachtsblume. Zudem gilt sie in unseren Breitengraden als kapriziöse Herausforderung für Hobbygärtner: „Überwintert die Pflanze draußen, droht sie in unserem Klima zu erfrieren. Als Zimmerpflanze auf der Fensterbank, beziehungsweise bei zu hohen Temperaturen gehalten, blüht sie nicht“ heißt es auf der Internetseite der Botanikfreunde des Bochumer Botanischen Vereins der Ruhr-Universität Bochum.

Rarität in weinrot-weiß: Ritter-stern „Papilio“.

Dagegen bietet der Ritterstern auch längerfristig viel Freude – gönnt man dem bis zu 70 Zentimeter großen Zimmerbewohner übers Jahr ein gewisses Maß an Pflege. Daheim in Südamerika blüht das Zwiebelgewächs im Frühjahr. Damit es hierzulande im Winter Knospen treibt, braucht es einen Trick: Die Blumenzwiebeln werden im Herbst trocken, kühl und dunkel gelagert, sodass es sich für sie wie Winter anfühlt. Kommt Hippeastrum dann im November oder Dezember frisch eingetopft ins warme Wohnzimmer, meint sie, das Frühjahr sei schon angebrochen und treibt aus.

Wichtig: der Drei-Phasen-Zyklus

Seine erfolgreiche (also blühende) Kultur ist vergleichsweise einfach, wenn man sich strikt an dem natürlichen, dreiphasigen Lebenszyklus der Pflanze im Jahresverlauf orientiert:

Blütezeit im Winter: Regelmäßig wässern, die Menge aber erst mit zunehmendem Austrieb steigern und zweiwöchig düngen. Die Pflanze mag es in dieser Zeit hell und warm bei 22 bis 25 Grad Zimmertemperatur. Verwelkte Blüten sollten bald entfernt werden, damit sich nicht kraftraubende Samen bilden.

Wachstumsphase im Frühjahr und Sommer: Ab der Blütenwelke alle ein bis zwei Wochen mit Flüssigdünger düngen und regelmäßig wässern, Staunässe vermeiden. Der Topf darf im Sommer auch ins Freie an einen halbschattigen Platz.

Trocken-/Ruheperiode ab August: Nicht mehr gießen, Laub verwelken lassen und im September/Oktober an einen kühlen, dunklen und trockenen Standort, etwa in den im Keller bei 15 Grad, stellen. Im November/Dezember die Zwiebel in einen nur wenig größeren Topf mit Blumenerde setzen, dessen Boden mit einer fingerdicken Drainage-Schicht aus Kies oder Tonscherben bedeckt ist. Topf nun hell und warm stellen und leicht angießen, um den Neuaustrieb anzuregen. Etwa die Hälfte der Zwiebel sollte beim Pflanzen noch aus der Erde ragen, um dem „Roten Brenner“, einer bei Rittersternen gefürchteten Pilzkrankheit, weniger Angriffsfläche zu bieten, empfehlen die Bochumer Botaniker.

Geflammte Blüte: Ritterstern „Coral Beach“.

Der „wahre“ Stern zum Weihnachtsfest

Wenn man es recht bedenkt, müsste der Ritterstern wegen seines spektakulären Auftritts zur Weihnachtszeit eigentlich als der „einzig wahre Weihnachtsstern“ gefeiert werden. Daraus wird aber nichts, weil just dieser Name bereits von einem gleichfalls zur Winterzeit als Zimmerpflanze hoch im Kurs stehenden Wolfsmilchgewächs beansprucht wird. Und das, obwohl dessen sternförmige „Blüten“ in Wirklichkeit „nur“ rote, rosa oder cremeweiße Hochblätter sind. Ein klarer Fall mit Klärungsbedarf für den nächsten Botanischen Kongress 2023.

Hintergrund: Von Pferden und Rittern

Der Ritterstern erhielt seinen Namen von dem englischen Geistlichen und Hobbybotaniker William Herbert. Er taufte die exotische Zwiebelblume im Jahr 1837 auf den botanischen Namen Hippeastrum. Angeblich hätten ihn die Knospen an ein Pferdeohr oder einen Pferdekopf erinnert (altgriechisch „hippos“ für Pferd). Nach einer anderen Deutung weist die Form der Blüte auf den mittelalterlichen Morgenstern eines Ritters hin, sodass Herbert den Namen aus „hippeus“ (Ritter) und „astron“ (Stern) zusammengesetzt habe, heißt es im Pflanzenporträt des Bochumer Botanischen Vereins der Ruhr-Universität Bochum auf botanik-bochum.de.

Allerdings wird der Ritterstern bis heute oft auch Amaryllis genannt, was auf den bedeutenden schwedischen Botaniker Carl von Linné zurückgeht, der 1742 die Rittersterne nach damaligem Wissensstand zunächst dieser Gattung zuordnete. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Gattung Hippeastrum mit ihren etwa 80 Arten – nach vielen Diskussionen unter Botanikern – als eigenständige Gattung abgetrennt. Als einzige „echte Amaryllis“ blieb zunächst (bis 1998 eine zweite Art beschrieben wurde) die im Spätsommer blühende, südafrikanische Belladonnalilie (Amaryllis belladonna) übrig. Allerdings blieb im Volksmund der alte Trivialname „Amaryllis“ für die Hippeastrum-Sorten erhalten, was mitunter zu Verwirrung führt. Mehr Infos hier.

(Von Gisela Busch)

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