Saatgut ohne EU-Zulassung aus Schandelah

Ursula Reinhard rettet verboten leckere Tomaten

Tomatenvielfalt im Garten von Ursula Reinhard: Das Saatgut für all diese Sorten hat allerdings keine EU-Zulassung und ist daher im Handel nicht erhältlich.
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Tomatenvielfalt im Garten von Ursula Reinhard: Das Saatgut für all diese Sorten hat allerdings keine EU-Zulassung und ist daher im Handel nicht erhältlich. Foto: Ute Klaphake

Wenn Ursula Reinhard in ihrem Garten in Schandelah bei Braunschweig die Tomatenpflanzen umsorgt, so dient das illegalen Geschäften: Seit 20 Jahren züchtet und vertreibt die 68-jährige Saatgut von verbotenen Früchten, die es laut Saatgutverkehrsgesetz aber gar nicht geben dürfte.

Seit 20 Jahren züchtet Ursula Reinhard in Schandelah Tomaten.  Die 68-jährige bringt  Saatgut von verbotenen Früchten unter die Leute – nämlich von Tomaten, die es laut einem Gesetz von 1930 in Deutschland gar nicht mehr geben dürfte.

Mit dem Verkauf ihres Saatguts verstößt die Diplom-Biologin im Ruhestand gegen das deutsche Sortenschutz- und Saatgutverkehrsgesetz: Die gewerbliche Weitergabe von Saatgut, das keine amtliche Sortenzulassung besitzt, ist eine strafbare Ordnungswidrigkeit und kann laut Bundessortenamt mit Geldbußen bis zu 25 000 Euro (SaatG §60 (3)) geahndet werden. Was die Tomatenzüchterin und ihre Spießgesellen vom Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) nicht davon abhält – gemäß der Devise „wo kein Kläger, da kein Richter“ – mit Herzblut und aus voller Überzeugung weiterzumachen.

Tomatenliebhaber, die Geschmacksvielfalt dem Supermarkteinerlei vorziehen, reisen inzwischen aus ganz Deutschland an, um in Schandelah vergessene Gemüsevielfalt zu entdecken, um zur Erntezeit verbotene Früchte zu kosten und natürlich, um Uschi Reinhards „Hehlersorten“ im heimischen Garten selbst anzubauen und weiterzuvermehren und zur Erntezeit rote, gelbe, braune und grüne Tomatenlust zu genießen.

Den Wohlschmeck-Faktor Genuss hat das Bundessortenamt bei der Zulassung einer Tomate nicht im Blick: Bei den 58 Zulassungskriterien gehe es, so erläutert Sprecherin Maryse Huve, um „beschreibende Merkmale“ wie „Unterscheidbarkeit, Homogenität und Beständigkeit“. Geschmack sei als „Werteigenschaft“ nicht prüfbar. Aktuell sind laut Bundessortenamt 4151 Tomatensorten in der EU zugelassen, davon 62 aus Deutschland (30 reguläre und 32 Amateursorten für den Hobbyanbau).

Das erscheint bescheiden gegenüber der Vielfalt von 400 allesamt nicht zugelassenen Sorten, die allein Ursula Reinhard in ihrem Garten vor dem Vergessen bewahrt. Jeweils 80 davon baut sie jedes Jahr zur Erhaltung und Saatgutgewinnung an. Samen können (von November bis April) über die Internetseite des Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e.V. (VEN), dessen Vorsitzende sie lange Zeit war, bezogen werden. „Die Körner (etwa 10 bis 20 Stück je Portion) sind fünf Jahre lang haltbar, sagt die Gärtnerin. „Mein Fernziel ist es, gesetzliche Standards zu entwickeln, die zuverlässig Tomaten im Geschmack beschreiben“, sagt Reinhard.

Sie weiß, was eine gute Tomate ausmacht: „Zum aromatischen Geschmack sollten sich ein gutes Zucker-Säure-Verhältnis und die richtige Würze gesellen.“ Damit der Tomatenanbau im Garten gelingt, müssen vor allem die Kulturbedingungen stimmen. Bei den Sorten wird unterschieden zwischen Cocktailtomaten, mittelgroße Tomaten, Fleischtomaten und Wildtomaten – verwendet als Naschgemüse, für Salate oder Pastagerichte. „Vor allem muss man den Boden gut behandeln“, sagt Reinhard und empfiehlt zur Stärkung selbst angesetzte Beinwelljauche, in die fein vermahlenes Urgesteinsmehl (aus dem Gartenfachhandel) eingerührt wird. Fürs Wachstum ihrer Jungpflänzchen schwört Reinhard auf ein spezielles Kräuterpulver, das sie aus dem Klosterladen der Abtei Fulda (abtei-fulda.de) bezieht. Wer vor dem Düngen seiner Tomatenpflanzen ganz sicher gehen will, lässt den pH-Wert des Bodens überprüfen – ein schwach saures lockeres und humusreiches Erdreich mit einem Wert von 6 gilt als optimal.

Im Freilandanbau sollten unbedingt die Eisheiligen (dieses Jahr Mitte Mai) abgewartet werden, da Tomaten sehr kälteempfindlich sind. Entweder setzt man sie in ein Gewächshaus oder wartet ab, bis die Nachttemperaturen konstant über 15 Grad liegen.

Egal ob die Jungpflanzen aus eigener Aussaat stammen oder gekauft wurden: Tief genug in die Erde müssen sie. „Die Jungpflanzen müssen bis etwa zehn Zentimeter unter den Ansatz der ersten Blüte in die Erde eingepflanzt werden“, sagt Reinhard. Das rege das Wachstum von zusätzlichen Wurzeln an, sodass die Pflanze weniger Gießwasser benötigt. „Auf keinen Fall dürfen Tomaten jeden Tag genossen werden“, lieber solle man die Pflanzen, ohne Blätter oder Früchte zu benetzen alle paar Tage, dafür aber gründlich wässern.

Da Tomaten Selbstbefruchter sind, sich also untereinander nicht verkreuzen, lassen sich die eigenen Früchte gut zur Saatgutgewinnung verwenden. Allerdings nur, wenn sie von samenfesten Tomaten abstammen, also nicht von modernen F1-Hybridsorten. Säht man deren Samen, können ganz andere Pflanzen herauskommen.

Fürs Erste freut sich Ursula Reinhard erst einmal über den Erfolg ihrer „Auriga“. Die zu DDR-Zeiten in Ostdeutschland sehr beliebte, orangfarbene Sorte „Auriga“ gilt als zuverlässig, ertragreich, unkompliziert und robust und sei nun auf EU-Ebene als sogenannte „B-Sorte“, also eine Amateur-Tomate für den Hobbymarkt zugelassen.

Kontakt: Ursula Reinhard, Sandbachstr. 5, 38162 Schandelah, Tel. (VEN) 0 53 06 / 14 02 (Di+Do von 10 bis 12 Uhr) und (privat, ab 19 Uhr, außer Do) Tel. 0 53 06 / 93 29 45.
Jungpflanzenaktionstag: Samstag, 4. Mai, von 10 bis 13 Uhr, Sandbachstr. 5, in Schandelah.
Tomaten-Erhalterringe: Hobbygärtner, die helfen wollen, Hausgartensorten zu erhalten, wenden sich an die VEN-Fachgruppe Tomaten (Gisa Hoppe), E-Mail: tomaten@nutzpflanzenvielfalt.de
nutzpflanzenvielfalt.de
Saatgut:
Tomatensamen von Ursula Reinhard und anderen Erhalter/innen des VEN kann wieder ab November bestellt werden unter zu.hna.de/tomatensaatgut

So gewinnt man Samen aus eigenen Tomaten

 Halbierte, vollreife Früchte (samenfest, also nicht von F1-Hybriden) werden halbiert. Man gibt die Samen mit dem Fruchtfleisch in ein Glas mit Wasser und lässt es zwei Tage gären, damit sich die schleimige, keimhemmende Schicht von den Samen löst. Die Körner sinken zu Boden und fühlen sich nun rau an. Man spült sie in im Sieb mit viel Wasser und trocknet sie, einzeln liegend, auf Küchenkrepp oder Filterpapier. Fertig getrocknet kommen sie in eine kleine Tüte, die man mit Sortennamen und -Infos beschriftet. Richtig gelagert (kühl,trocken, dunkel) sind die Samen etwa fünf Jahre lang keimfähig.

Tomaten-Raritäten aus Schandelah, die im Handel nicht erhältlich sind: 

Green Zebra: Runde, mittelgroße (Stab-)Tomate aus Ferme de St. Marthe /Frankreich (Fruchtgewicht 50-200 Gramm), gelb-grün-gestreifte Schale und weißgrünes Fruchtfleisch, 5 Früchte pro Traube, Reife spät ab Mitte August, sehr guter Geschmack, gute Salattomate.

Green Zebra

Onkel Gustav: Cocktailtomate aus Hamburger Familienzucht (Fruchtgewicht bis 20 Gramm), typisch tomatenrote Schale und rotes Fruchtfleisch, acht Früchte pro Traube, Reife früh ab Juli, 5-triebiger Aufwuchs an Stäben oder Spalier empfehlenswert, sehr schmackhaft mit viel Süße und Würze.

Onkel Gustav

Old German: Cocktailtomate aus Hamburger Familienzucht (Fruchtgewicht bis 20 Gramm), typisch tomatenrote Schale und rotes Fruchtfleisch, acht Früchte pro Traube, Reife früh ab Juli, 5-triebiger Aufwuchs an Stäben oder Spalier empfehlenswert, sehr schmackhaft mit viel Süße und Würze.

Old German

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