Das Zimmer wird zum Hörsaal

Studienstart: Eschweger Studenten berichten über Semesteralltag im Homeoffice

Studium am heimischen Schreibtisch: Statt im Hörsaal verfolgt die Lehramtsstudentin Sophie Renke aus Eschwege Vorlesungen und Seminare in ihrem Zimmer.
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Studium am heimischen Schreibtisch: Statt im Hörsaal verfolgt die Lehramtsstudentin Sophie Renke aus Eschwege Vorlesungen und Seminare in ihrem Zimmer.

Keine vollen Hörsäle, kein Campusgewusel, keine langen Partynächte: Eschweger Erstis berichten von ihrem Studienstart im Corona-Alltag.

Eschwege – Endlich ist das Abitur geschafft – 2020 sogar unter besonders schwierigen Bedingungen – und den Abiturienten stehen alle Türen offen. Eigentlich. Viele haben sich entschieden, ein Studium zu beginnen. So auch Sophie Renke und Luca Siepmann. Doch durch die Corona-Pandemie ist es bei Weitem nicht so, wie die Erstsemester es sich vorgestellt haben. Statt Hörsaal, Studentenpartys und Uni-Gewusel stehen dieses Semester Homeoffice, Videokonferenzen und Zimmerhocken auf dem Programm.

Der Tagesablauf

„Was für ein Tagesablauf“, antworten Sophie und Luca lachend. Die Studenten haben zwar ihre Arbeitsblöcke, in denen sie an den Online-Seminaren teilnehmen, doch so ein richtiger Arbeitsalltag ergibt sich im Fernstudium nicht. Die meisten Studenten stehen sicherlich erst fünf Minuten vor Beginn der Vorlesung auf, setzen sich verschlafen vor die Kamera und verlassen ihr Zimmer für den Rest des Tages nicht mehr.

Auch die Motivation hält sich in Grenzen. Denn wer hat schon die Ausdauer den ganzen Tag auf den Bildschirm zu starren und dabei aufmerksam zuzuhören? „Das Zimmer wird zum Klassenraum“, bestätigt Luca, der eigentlich am King’s College in London studieren würde, aber seinem Studiengang „European Politics“ nun von seinem Eschweger Zuhause aus nachgeht.

Nicht nur für die Studenten ist der Online-Unterricht anstrengend. Die Dozenten haben damit ebenfalls keine leichte Aufgabe bekommen. Für Hans-Peter Fischer, Dozent im Studiengang Journalistik an der Hochschule Hannover, hat sich die Arbeitsbelastung erhöht. „Viele Kleinigkeiten, die man sonst einfach persönlich klären konnte, muss man jetzt anders kommunizieren“, berichtet er.

Der soziale Aspekt

Ein ganz entscheidender Nachteil ist außerdem, dass die soziale Interaktion zwischen den Studenten viel zu kurz kommt. Die Studenten sehen sich gegenseitig meistens nur etwas verzerrt in kleinen Computerbildschirmen. Viele haben sich noch nie persönlich getroffen, denn die meisten bleiben erst mal in ihrem Heimatort, anstatt sich eine Wohnung in der entfernteren Studienstadt zu suchen.

Für die Dozenten ist es somit auch schwieriger, ein Gefühl für die jeweiligen Persönlichkeiten der Studenten zu entwickeln. „Uns stehen die Kanäle da nicht so offen“, sagt Fischer. Das wirke sich auch auf die Diskussionskultur untereinander aus. Denn online werden die Diskussionen nicht wirklich angeregt.

„Der persönliche Kontakt zu den Kommilitonen fehlt schon sehr. Man läuft sich nicht einfach mal in der Pause auf dem Flur über den Weg und kommt ins Gespräch“, findet Lehramtstudentin Sophie. Um doch irgendwie eine Bindung untereinander aufzubauen und die Leute kennenzulernen, die für die nächsten Jahre zum unmittelbaren Umfeld gehören sollen, veranstalten die Studenten des Öfteren eine Videokonferenz außerhalb des Unterrichts. Dort geht es auch meistens ziemlich lustig zu, doch das ist nicht wirklich mit dem gemeinsamen Beisammensitzen zu vergleichen.

Das Positive

Trotzdem empfindet Fischer das Digitalsemester als „Erweiterung der Lehrerpalette“. Unabhängig von Pandemie-Zeiten könne man diese Erfahrungen gut für die Zukunft nutzen. Das vorangegangene Sommersemester hat er positiv in Erinnerung. „Die Herausforderung bestand jetzt darin, Studierende, die wir noch nicht kennen, durch die Digital-Lehre zu führen“, so der Dozent. Mittlerweile sind die Universitäten und Hochschulen digital auch so weit ausgestattet, dass der Unterricht und sogar die Bibliotheksrecherche weitgehend ohne Probleme funktionieren. Die Studenten werden sicherlich noch eine Weile im Homeoffice sein.

Sophie und Luca freuen sich auf Präsenzunterricht, blicken der momentanen Situation aber positiv entgegen. „Wir müssen das Beste aus der Situation machen. Die Online-Lehre können wir als Chance sehen, einen neuen, ungewohnten Studienalltag kennenzulernen, was das Semester dann doch etwas erleichtert“, meint Sophie. Auch Hans-Peter Fischer freut sich schon, seine „Studis“ demnächst vor Ort zu unterrichten. (Von Anna Schellhase)

Dieser Artikel stammt aus der Werra Rundschau.
Dieser Artikel stammt aus der Werra Rundschau.

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